In der Bildmitte blaue Fahnen des ADFC-Berlin bei einer Demonstration von Fridays For Future am 22.10.2021

ADFC bei Fridays-For-Future-Zentralstreik in Berlin am 22.10.2021 © Bele Pohely

Essay: Warum Radfahren politisch ist!

 

„Ich interessiere mich nicht für Politik, ich möchte einfach Fahrradfahren!“ – diesen Satz hört Franz Fischer, FÖJler beim ADFC Schleswig-Holstein, immer wieder in Gesprächen mit Radfahrenden. Doch für ihn ist klar: Radfahren ist politisch!

 

Wiederholt bin ich in den letzten Monaten folgendem Szenario begegnet: Ich treffe eine Person, die begeistert Fahrrad fährt, und freue mich, eine Mitstreiter*in für sicheren Radverkehr, den Ausbau der Fahrradwege und praktische Mitnahmemöglichkeiten für das Fahrrad im ÖPNV gefunden zu haben. Doch auf diese Themen angesprochen, antwortet sie, dass sie sich nicht für Politik interessiere, sondern einfach nur Fahrradfahren wolle. Jedes Mal bin ich verwundert über diese Haltung und frage mich, wie Menschen dazu kommen, sich selbst als unpolitisch zu bezeichnen, obwohl sie täglich das Rad benutzen.

Viele Menschen, auch Alltagsradfahrer*innen, sprechen sich fälschlicherweise fachliche Kompetenz ab

Sicher, es gibt durchaus Gründe sich als Fahrradfahrer*in nicht politisch zu engagieren: Fraglos bedeutet  die Arbeit im Gemeinderat, mit Verwaltungen oder auf der Straße zeitlichen Aufwand, fraglos bedeutet dies, Enttäuschungen zu erleben, und fraglos bedeutet es, sich häufig mit Finanzierung und Förderung statt mit Planung und Umsetzung beschäftigen zu müssen. Es ist also für mich verständlich, warum Menschen sich nicht (fahrrad-)politisch einbringen wollen oder können.
Aber Desinteresse an Fahrradpolitik ist etwas anderes als sich wegen fehlender Kapazitäten nicht zu engagieren. Desinteresse heißt, sich aktiv nicht mit einem Thema beschäftigen zu wollen und jegliches Beschäftigen mit diesem Thema als nicht zielführend zu betrachten. Und das kann ich nicht verstehen! Denn dafür sind andere Gründe verantwortlich als die eben genannten:
Zum einen meine ich, das Selbstbild, ein unpolitischer Mensch zu sein, rührt häufig daher, sich selbst die nötige Kompetenz hierfür abzusprechen. Die medialen politischen Debatten lassen uns allzu oft glauben, dass tiefgreifende Expertise in einem bestimmten Bereich notwendig ist, um sich dazu öffentlich zu äußern. Besonders beim Thema Radverkehr geht es häufiger um technische und planerische Details, durch die nur Fachleute zielsicher manövrieren können – das kann ich aus eigener Wahrnehmung bestätigen. Aber dies sollte uns nicht davon abhalten unsere Meinung zu äußern. Oftmals wissen wir, die Alltagsradfahrer*innen, mehr zu fahrradpolitischen Debatten beizutragen, als wir glauben. Denn auch wir sind Expert*innen und zwar wegen unserer langjährigen Erfahrung im Radverkehr!

Es gibt nicht „die Politik“ - besonders in der Kommunalpolitik finden sich Menschen mit Herzblut

Zum anderen tritt immer wieder die Überzeugung zu Tage, dass „die Politik“ sowieso nichts verändern wird und die Anliegen und Probleme der Menschen verkennt, vergisst, verlacht. Eine Reihe von Politiker*innen trägt aufgrund von Plagiaten in wissenschaftlichen Arbeiten, illegalen Parteispenden und Korruptionsaffären sowie des Vertuschens dieser Vorfälle eine nicht zu kleine Verantwortung dafür, dass Menschen politische Entscheidungsträger*innen zunehmend als selbstverliebte Egoist*innen wahrnehmen und aufgrund dieser Enttäuschung mit Politik nichts am Hut haben wollen.
Doch dieser von tiefer Bitterkeit geprägte Blick auf die politischen Verhältnisse ist in seiner Allgemeingültigkeit unzutreffend: Viele Berufspolitiker*innen haben die Menschen in ihren Wahlkreisen im Blick und wollen deren Leben verbessern. Besonders in kommunalen Parlamenten, wo Fahrrad-Politik häufig stattfindet, sitzen Menschen, die die Lebensrealitäten der Bürger*innen vor Ort kennen. Menschen, die wissen, mit welchen Herausforderungen ihre Nachbar*innen zu kämpfen haben. Menschen, die wissen, wie viel Potential in ihren Mitmenschen und deren Ideen steckt. Im ehrenamtlichen Engagement werden sie von ihren Idealen und von ihren Ideen für gesellschaftliches Zusammenleben angetrieben. Sie übernehmen Verantwortung, weil es ihnen nicht egal ist, wie die Menschen in ihrer Gemeinde zusammenleben, sondern weil sie das Leben ihrer Mitmenschen verbessern möchten. Es ist den meisten nicht egal, ob die Fahrradwege vor sich hin verfallen, sondern sie möchten, dass die Bürger*innen mit dem Rad gut von A nach B gelangen können.

Durch das tägliche Radfahren über schlechte Radwege stehst Du (unbewusst) für Deine Überzeugungen ein, wirst zum Vorbild, bist politisch!

Auch ich bin in den letzten Wochen enttäuscht von der politischen Realität: Die Demonstrationen von Fridays For Future kurz vor der Bundestagswahl konnten die Entscheidung der Wählenden kaum beeinflussen. Die Ampel-Koalition wird sich aller Voraussicht nach auf einen Koalitionsvertrag einigen, der nicht den Anforderungen des 1,5-Grad-Zieles entspricht. Und die Weltklimakonferenz von Glasgow hat keine konkreten Entschädigungen an Länder des Globalen Südens für die Folgen der Klimakrise beschlossen und kurz vor Schluss auch den weltweiten Kohleausstieg aus dem Beschlusspapier gestrichen.
Doch aus dieser Enttäuschung darf keine Resignation entstehen, sondern aus dieser muss sich ein entschiedener Wille zur Veränderung speisen. Denn wer resigniert, verkennt ebenso wie die Person, die sich selbst die inhaltliche Kompetenz abspricht, die riesigen Chancen, die in der Zusammenarbeit und Organisierung von Menschen stecken: Wenn wir gemeinsam für sichere Fahrradwege, für autofreie Innenstädte, für den Ausbau des ÖPNV eintreten, haben wir ein riesiges Potential.: Wir können etwas bewirken, wenn wir uns als Bewegung vernetzen – hinein in andere Interessenverbände, in die Verwaltungen und in die Parlamente!


Doch dafür ist es notwendig, die Angst davor abzulegen, ein politischer Mensch zu sein. Denn dann können wir so viele sein: Du, die sich am Morgen für den Weg zur Arbeit auf’s Fahrrad schwingt, statt sich ins Auto zu zwängen; Du, der sich wünscht, am Abend an der frischen Luft nach Hause zu rollen, statt in Abgas-Wolken im Stau zu stehen; Du, die von Städten mit Parks und Fahrradwegen träumt, statt mit Parkplätzen und Schnellstraßen – Ihr alle seid Teil einer Bewegung. Denn mit dem Träumen von lebenswerten Städten, mit dem Wunsch nach frischer Luft skizzierst Du eine bessere Welt! Denn durch das tägliche Radfahren über schlechte Radwege stehst Du (unbewusst) für Deine Überzeugungen ein, wirst zum Vorbild, bist politisch!

 

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https://sh.adfc.de/artikel/essay-warum-radfahren-politisch-ist

Häufige Fragen von Alltagsfahrer*innen

  • Was macht der ADFC?

    Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) ist mit bundesweit mehr als 190.000 Mitgliedern, die größte Interessenvertretung der Radfahrerinnen und Radfahrer in Deutschland und weltweit. Politisch engagiert sich der ADFC auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die konsequente Förderung des Radverkehrs. Er berät in allen Fragen rund ums Fahrrad: Recht, Technik, Tourismus.

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  • Was bringt mir eine ADFC-Mitgliedschaft?

    Radfahren muss sicherer und komfortabler werden. Wir nehmen dafür – auch Dank Ihrer Mitgliedschaft – nicht nur Einfluß auf Bundestagsabgeordnete, sondern setzen uns auf Landes- und Kommunalebene für die Interessen von Radfahrern ein. Für Sie hat die ADFC Mitgliedskarte aber nicht nur den Vorteil, dass wir uns für einen sicheren und komfortablen Radverkehr einsetzen: Sie können egal, wo Sie mit Ihrem Fahrrad unterwegs sind, deutschlandweit auf die AFDC-Pannenhilfe zählen. Außerdem erhalten Sie mit unserem zweimonatlich erscheinenden ADFC-Magazin Information rund um alles, was Sie als Radfahrer politisch, technisch und im Alltag bewegt. Zählen können ADFC-Mitglieder außerdem auf besonders vorteilhafte Sonderkonditionen, die wir mit Mietrad- und Carsharing-Anbietern sowie Versicherern und Ökostrom-Anbietern ausgehandelt haben. Sie sind noch kein Mitglied?

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  • Was muss ich beachten, um mein Fahrrad verkehrssicher zu machen?

    Wie ein Fahrrad verkehrstauglich auszustatten ist, legt die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) fest. Vorgesehen sind darin zwei voneinander unabhängige Bremsen, die einen sicheren Halt ermöglichen. Für Aufmerksamkeit sorgen Radler*innen mit einer helltönenden Klingel, während zwei rutschfeste und festverschraubte Pedale nicht nur für den richtigen Antrieb sorgen. Je zwei nach vorn und hinten wirkende, gelbe Rückstrahler an den Pedalen stellen nämlich darüber hinaus sicher, dass Sie auch bei eintretender Dämmerung gut gesehen werden können. Ein rotes Rücklicht erhöht zusätzlich die Sichtbarkeit nach hinten und ein weißer Frontscheinwerfer trägt dazu bei, dass Radfahrende die vor sich liegende Strecke gut erkennen. Reflektoren oder wahlweise Reflektorstreifen an den Speichen sind ebenfalls vorgeschrieben. Hinzu kommen ein weißer Reflektor vorne und ein roter Großrückstrahler hinten, die laut StVZO zwingend vorgeschrieben sind.

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  • Worauf sollte ich als Radfahrer achten?

    Menschen, die Rad fahren oder zu Fuß gehen, gehören zu den ungeschützten Verkehrsteilnehmern. Sie haben keine Knautschzone – deshalb ist es umso wichtiger, sich umsichtig im Straßenverkehr zu verhalten. Dazu gehört es, selbstbewusst als Radfahrender im Straßenverkehr aufzutreten, aber gleichzeitig defensiv zu agieren, stets vorausschauend zu fahren und mit Fehlern von anderen Verkehrsteilnehmern zu rechnen.Passen Sie Ihre Fahrweise der entsprechenden Situation an und verhalten Sie sich vorhersehbar, in dem Sie beispielsweise Ihr Abbiegen durch Handzeichen ankündigen. Halten Sie Abstand von Lkw, Lieferwagen und Kommunalfahrzeugen. Aus bestimmten Winkeln können Fahrer nicht erkennen, ob sich seitlich neben dem Lkw Radfahrende befinden. Das kann bei Abbiegemanövern zu schrecklichen Unfällen führen. Beachten Sie immer die für alle Verkehrsteilnehmer gültigen Regeln – und seien Sie nicht als Geisterfahrer auf Straßen und Radwegen unterwegs.

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  • Was ist der Unterschied zwischen Pedelecs und E-Bikes?

    Das Angebot an Elektrofahrrädern teilt sich in unterschiedliche Kategorien auf: Es gibt Pedelecs, schnelle Pedelecs und E-Bikes. Pedelecs sind Fahrräder, die durch einen Elektromotor bis 25 km/h unterstützt werden, wenn der Fahrer in die Pedale tritt. Bei Geschwindigkeiten über 25 km/h regelt der Motor runter. Das schnelle Pedelec unterstützt Fahrende beim Treten bis zu einer Geschwindigkeit von 45 km/h. Damit gilt das S-Pedelec als Kleinkraftrad und für die Benutzung sind ein Versicherungskennzeichen, eine Betriebserlaubnis und eine Fahrerlaubnis der Klasse AM sowie das Tragen eines Helms vorgeschrieben. Ein E-Bike hingegen ist ein Elektro-Mofa, das Radfahrende bis 25 km/h unterstützt, auch wenn diese nicht in die Pedale treten. Für E-Bikes gibt es keine Helmpflicht, aber Versicherungskennzeichen, Betriebserlaubnis und mindestens ein Mofa-Führerschein sind notwendig. E-Bikes spielen am Markt keine große Rolle. Dennoch wird der Begriff E-Bike oft benutzt, obwohl eigentlich Pedelecs gemeint sind – rein rechtlich gibt es große Unterschiede zwischen Pedelecs und E-Bikes.

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  • Gibt es vom ADFC empfohlene Radtouren für meine Reiseplanung?

    Wir können die Frage eindeutig bejahen, wobei wir Ihnen die Auswahl dennoch nicht leicht machen: Der ADFC-Radurlaubsplaner „Deutschland per Rad entdecken“ stellt Ihnen mehr als 165 ausgewählte Radrouten in Deutschland vor. Zusätzlich vergibt der ADFC Sterne für Radrouten. Ähnlich wie bei Hotels sind bis zu fünf Sterne für eine ausgezeichnete Qualität möglich. Durch die Sterne erkennen Sie auf einen Blick mit welcher Güte Sie bei den ADFC-Qualitätsradrouten rechnen können.

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